Im Interview: Das Kompetenzzentrum geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe stellt sich vor

Ich freue mich sehr, dir heute das Kompetenzzentrum geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe (KgKJH) vorzustellen.

1. Bitte stelle das Kompetenzzentrum kurz vor.

Unser KgKJH wirkt jetzt im 18. Jahr in Sachsen-Anhalt und versteht sich als fachpolitische Servicestelle für Geschlechtervielfalt, Genderkompetenz, Mädchen*arbeit sowie Jungen*arbeit. Wir wollen für geschlechtergerechte Ansätze in der Kinder- und Jugendhilfe sensibilisieren, diese in den Regionen und auch landesweit etablieren und vernetzen und setzen stark auf die Qualifizierung.

Unser Ziel ist die Herstellung der realen Chancengleichheit in allen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe und die Förderung von Geschlechtergerechtigkeit in der sozialen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Land Sachsen-Anhalt. 

Zum Team gehören die Geschäftsführerin Dr. Kerstin Schumann, die Referentin für Mädchen*arbeit Irena Schunke, der Referent für Jungen*arbeit Robert Dommroese, unsere Verwaltungsfachfrau Sabine Lenk und immer wieder viele hochmotivierte Praktikant*innen. Gefördert werden wir vom Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration des Landes.

Ein außerordentlich wichtiges Projekt ist unser Medienkoffer „Geschlechtervielfalt in Einrichtungen der frühkindlichen Bildung, in Grundschulen und Horten“, der durch das Ministerium für Justiz und Gleichstellung gefördert und durch die Referentin für Geschlechtervielfalt Sarah Brune umgesetzt wird.

Viele und aktuelle Informationen finden sich auf unserer Webseite www.geschlechtergerechteJugendhilfe.de

2. Was sind eure Aufgabenfelder? (Schwerpunkte, Zielgruppen,…)

Unsere Aufgabenfelder sind sehr breit gefächert und orientieren sich an den aktuellen Diskursen und Bedarfen der Mädchen*arbeit, der Jungen*arbeit und der Geschlechtervielfaltsaspekte in der Kinder- und Jugendhilfe.

In der Praxisforschung geht es uns z.B. um die Generierung von landesspezifischem Know-how, um eine qualifizierte Fachdebatte zu Lebenslagen von  Mädchen* und Jungen* sowie zu Ansätzen in der Kinder- und Jugendhilfe zu forcieren und neue Impulse für ein geschlechtergerechtes Vorgehen von der Elementarbildung bis zur Jugendberufshilfe zu verankern.   

Ständig beobachten und bewerten wir genderrelevante Themen in der sachsen-anhaltischen Kinder- und Jugendhilfe. Wir analysieren Schwerpunkte aus diesen Themen, fördern in diversen Gremien (z.B. Landesjugendhilfeausschuss) den landesweiten Diskussionsprozess und agieren mit genderrelevanten Fragestellungen in der Fachöffentlichkeit.   

Um die Genderkompetenz bei Fachkräften und Verantwortlichen der sachsen-anhaltischen Kinder- und Jugendhilfe zu erhöhen, organisieren wir Fachtagungen, bieten Fortbildungstage in den Regionen und  bundesländerübergreifende Fortbildungsreihen (z.B. Trainer*in Geschlechtergerechte Konfliktlösungsstrategien) an und veröffentlichen in den unterschiedlichsten Formaten.

kgkjh_geschlechtergerechte_konfliktlösung_magdeburg

3. Wo siehst du Herausforderungen?

Im aktuellen gesellschaftlichen und politischen Diskurs ist die Tendenz zur Retradierung der Geschlechterrollen zu spüren. Dies geschieht nicht selten aus Unsicherheit und der Angst vor Konflikten und wird politisch durch offen propagierte antifeministische Strategien vorangetrieben. Fragen, die mit den Diskursen um biologische Geschlechtervielfalt (z.B. gesetzliche Einführung eines dritten positiven Geschlechtseintrages zum 1.1.2019) oder die Geschlechtsidentität (Trans* und Cis) zusammenhängen, werden bewusst hochemotional diskutiert und mit Aspekten der sexuellen Orientierung zusammengewürfelt.

Diese Debatte sachlich zu führen, ohne die zwei wichtigen und gleichrangig zu betrachtenden Ansätze der geschlechterbewussten Kinder- und Jugendhilfe (binär verortet) und der Vielfaltsperspektive gegeneinander auszuspielen, sehe ich als große Herausforderung. Solange wir eine strukturelle Benachteiligung von Mädchen und Frauen, aber auch von Jungen und Männern haben, können wir die binäre Geschlechterverortung nicht außer Acht lassen, wohlwissend, dass geschlechtliche Vielfalt wahrgenommen wird und alles gegen die Diskriminierung getan werden muss.

4. Ein persönliches Highlight

…sehe ich zum Beispiel in der Umsetzung des jahrelang geforderten und konzipierten Medienkoffers „Geschlechtervielfalt“. Seit dem Jahr 2018 ist es uns so möglich, (zukünftige) Fachkräfte und Eltern in Kindertagesstätten und Grundschulen kostenfrei zu sensibilisieren und zu qualifizieren, Fragen zu beantworten und kindgerechte Materialien bereitzustellen, die Geschlechtervielfalt, Rollenbilder und Familienvielfalt thematisieren. Kontinuierlich entwickelt sich hier auch der Kinder- und Jugendbuchmarkt weiter. Vielfalt wird selbstverständlicher. Zu sehen ist dies auf unserer Webseite www.vielfalt-erfahrenswert.de

5. Was wünschst du dir für die Zukunft?

Zum einen, dass Sachlichkeit in die Debatte um Geschlechtervielfalt und Geschlechtergerechtigkeit wieder dominiert und es so möglich wird, unspektakulär an den Themen, die in unserem Zusammenleben eine wichtige Rolle spielen, weiterzuarbeiten. Ich wünsche mir, dass die Menschen mit ihren Fragen direkt zu uns kommen und nicht in wilden Spekulationen versinken. Wichtig wäre mir, dass Vielfalt zur Normalität wird, damit meine ich die Vielfalt unter den Menschen, aber auch die unter den Mädchen* und Jungen*; Frauen* und Männern*.

Zitat: Wichtig wäre mir, das Vielfalt zur Normalität wird. Kerstin Schumann

Toll wäre, wenn es gelingen würde, die Strukturen in den Regionen weiter aufzubauen, so dass Diskriminierungen schnell benannt und Hilfen schnell gefunden werden können. Dazu zählt, dass flächendeckend gendersensibilisierte Fachkräfte agieren und das bedeutet, dass die Ausbildungsstätten, Hochschulen und Universitäten die Themen rund um das Geschlecht völlig selbstverständlich mit anbieten. 

Kerstin Schumann/ April 2019

Vielen Dank Kerstin für das Interview und den spannenden Einblick in eure Arbeit. Ich wünsche euch weiterhin alles Gute und viel Erfolg auf dem Weg zu mehr Geschlechtervielfalt!

aline


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