Im Interview: Wildwasser Magdeburg stellt sich vor

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1. Beratungsstelle Wildwasser Magdeburg 

Wildwasser Magdeburg e.V. ist Trägerin der gleichnamigen Beratungsstelle zum Schutz vor sexualisierter Gewalt, die seit 1993 arbeitet. Unser Einzugsgebiet bezieht sich auf Magdeburg und die vier umliegenden Landkreise: JL, Börde, SLK und Harz. 

2. Was sind die Aufgabenfelder der Beratungsstelle Wildwasser? 

Hauptaugenmerk ist wie der Name schon sagt die Beratung für betroffene Mädchen*, Jungen*, Frauen* und Männer*, die sexualisierte Gewalt erlebt haben oder erleben. Weiterhin zählen Bezugspersonen und Fachkräfte zu einer großen Gruppe der Ratsuchenden. Unsere Grundhaltung in der Beratung wird gespeist aus: Freiwilligkeit, Parteilichkeit, Schweigepflicht, Anonymität, keine Erstattung einer Strafanzeige, Nichts gegen den Willen von Betroffenen, Professionelle Qualität und Wahrung der Grenzen. 

Unsere Statistik der letzten Jahre zeigt eine fast Verdopplung der Ratsuchenden. 2018 lag die Altersspanne der Fälle zwischen 1-71 Jahren, d.h. bei Kinder unter vier Jahren unterstützen wir nur die Bezugspersonen. Aber auch Gewalterfahrungen im Alter bzw. als biografische Konstante von Frauen ist ein wichtiges Thema. 

Die zwei weiteren unerlässlichen Arbeitsbereiche der Beratungsstelle sind (2) Prävention und Fortbildung und (3) Vernetzung. Dabei gehen wir davon aus, dass nur in einem ausgewogenen Maß der drei Bereiche eine professionelle Arbeit und Unterstützung für Betroffene realisiert werden kann. 

In der Fortbildung bieten wir seit einigen Jahren ein umfangreiches Repertoire an Themen und Formaten an. Grundlage dafür ist das hoch reflektierte und professionell qualifizierte Team aus sehr diversen Frauen: Buchhalterin, Heilpädagoginnen, Rehabilitationspsychologin, Erwachsenenbildnerin, Sozialpädagogin, systemische Therapeutin, Sexualwissenschaftlerin, Traumafachberaterinnen. 

 

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3. Wo sehen sie die Herausforderungen in der Arbeit?

Die Vielgestalt der Aufgaben ist die größte Chance und bietet enormen Entwicklungs- und gestaltungsspielraum, und gleichzeitig die größten Herausforderungen in der Strukturierung der Bereiche und Aufgaben.

Die größte Herausforderung liegt nicht in der täglichen Arbeit der Beratung oder der Durchführung von Fortbildungen oder der aktiven Diskussion mit Kolleg*innen anderer Träger*innen. Vielmehr liegt es in der dauerhaften Existenzsicherung. Das größte Dilemma liegt darin, dass wir in der Unterstützung für Betroffene klare Strukturen, Vorhersagbarkeit, Kontinuität und authentische Beziehungsangebote brauchen, die wir für uns aufgrund befristeter Verträge, jährlicher Verhandlungen zu Förderungen und fehlender Tarifzahlungen selbst nicht haben.

Es lohnt sich immer wieder unbequem, laut und nervig zu sein.

4. Ein persönliches Highlight? Lichtblicke in der Arbeit?

Das Highlight in der Arbeit sind die Begegnungen mit Menschen auf den unterschiedlichsten Ebenen, die deutlich machen, dass es sich lohnt, immer wieder unbequem, laut und nervig zu sein.

Alle Frauen, die sich ehrenamtlich im Verein engagieren, alle Frauen in der Beratungsstelle, die über die bezahlte Arbeitszeit hinaus, Verantwortung für das Thema übernehmen und das politische, unermüdliche Engagement gegen sexualisierte Gewalt aufbringen, sind meine (ganz persönliche) Motivation jeden Tag aufs Neue diese Arbeit auf sich zu nehmen. Denn es bewegt sich was: #metoo, #schweigenbrechen usw. zeigen die längst überfälligen Auseinandersetzungen in unserer Gesellschaft.

In diesem Zusammenhang war ein besonderer Lichtblick die Einrichtung der Bundeskoordinierung der spezialisierten Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend https://www.bundeskoordinierung.de/ vor 2 Jahren mit der Geschäftsstelle in Berlin.

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5. Was wünschen sie sich für die Zukunft?

… dass die jetzt geführten Diskussionen und gesellschaftlichen Veränderungen anhalten und tiefer gehen.

… dass es in 5 oder 10 Jahren einen Rechtsanspruch auf Beratung gibt und die Existenz der spezialisierten Fachberatungsstellen nicht mehr in Frage gestellt wird.

… dass die spezialisierte Fachberatung als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden wird und weder ins Ehrenamt verschoben noch spendenbasiert verstanden wird.

Vielen Dank für das Interview und den spannenden Einblick in die wichtige und wertvolle Arbeit von Wildwasser Magdeburg!

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